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Mythos Gold
Die Faszination eines ambivalenten Stoffes
Schon den ägyptischen Gottkönigen, den Pharaonen, galt Gold als Symbol
des Göttlichen. Nach ihrem Tod begleitete sie das Edelmetall auf dem Weg
in die Ewigkeit, während ihre Körper verfielen. Quelle des ägyptischen
Reichtums war das Goldland Nubien, das die Pharaonen nicht zuletzt aus
diesem Grund um 1500 vor Christus unterwarfen. Auch für die Inka ist
Gold das Material der Ewigkeit. Sie verehren den Sonnengott Inti und
glaubten, das Gold komme als Tränen der Sonne in unsere Welt.
Im Bann des Goldrauschs
Mit dem Gold war wohl auch die Gier in der Welt. Entdecker und
Kreuzzügler schwärmten in alle Erdteile aus, angetrieben von einer
Mischung aus Faszination, Fanatismus und Fluch. So hatten die spanischen
Konquistadoren nur eines im Sinn: den materiellen Wert des Goldes. Sie
fielen in Lateinamerika ein, um es den Azteken, Inka und Maya zu rauben.
Für ihren Traum vom Eldorado zerstörten sie ganze Hochkulturen und
ermordeten alle, die ihnen in den Weg kamen. Doch der Goldrausch brachte
den Spaniern nur wenig Glück. Der fremde Reichtum führte nach einer
kurzen Zeit des Aufstiegs schließlich zum Niedergang der Nation.
Von der janusköpfigen Natur des Goldes wissen schon unsere Märchen zu
erzählen. Dort steht es für Reinheit und Tugend, wie die gutherzige
Goldmarie und die faule Pechmarie beweisen. Aber auch für Habgier und
Geiz, wenn es als Geld verstanden wird: Hans im Glück ist erst am Ziel,
als er sich von seinem Goldklumpen, dem Ballast des Besitzes, befreit
hat.
Die Königin der Edelmetalle
Neben den göttlichen und mythischen Wurzeln ist der enorme Wert des
Goldes auch von rationaler Natur: allein der Rohstoff ist äußerst
wertvoll. In der Erdkruste kommen auf 1000 Tonnen Gestein nur 3 bis 5
Gramm des seltenen Erzes. Zudem ist die Königin aller Edelmetalle fast
unzerstörbar. Lediglich eine chemische Verbindung, das sogenannte
Königswasser, vermag es zu vernichten. Wegen dieser Qualitäten
versuchten die Alchemisten schon im Mittelalter den raren Stoff selbst
herzustellen. Wie wir wissen, bis heute ohne Erfolg.
Deswegen geht der Raubbau an Natur und Mensch bis heute unvermittelt
weiter. Beispiel Südafrika: größter Goldexporteur der Welt. Hier müssen
die Bergleute bis zu vier Kilometer tief in die Erdkruste vordringen,
nicht selten unter Einsatz ihres Lebens. Insgesamt werden pro Jahr rund
2000 Tonnen Gold neu gefördert, für die Reichen dieser Welt, während die
Armen dafür leiden. Auch Privatleute treibt die Goldsuche bis in diese
Tage an die einheimischen Flüsse und in die tropischen Wälder.
Garant für ein stabiles Währungssystem
Gold bedeutet aber nicht allein Rausch, sondern verheißt auch Stabilität
- vor allem für das Währungssystem. Bis zum Ersten Weltkrieg galt der
Goldstandard: dem Papiergeld wurde das Metall als Gegenwert
gegenübergestellt.
Und insbesondere in jüngster Zeit steigt der Wert des Goldes an der
Börse wieder beständig, während das Vertrauen in die Währungen weiter
schwindet. Das Gold erlebt eine Renaissance. Doch die meisten Anleger
besitzen es nicht, sie investieren in die Aktien von Goldminen. Sein
warmer Glanz scheint verblasst. Was zählt, ist, was sich auszahlt.
Werkstoff für die Industrie
Über die Jahrtausende haben wir dem Gold das Göttliche genommen. Zwar
demonstriert Gold noch immer geistliche und weltliche Macht, ist
zeitloses Schmuckstück und Auszeichnung für herausragende Leistungen.
Doch an Bedeutung hat es heute vor allem als Werkstoff für die Industrie
gewonnen. Kaum ein Computer funktioniert mehr ohne Gold. Golddrähte,
dünner als ein Menschenhaar, machen unsere Kommunikation mobil - was den
meisten Menschen unbekannt sein dürfte.
Für die breite Masse zählt der Schein des Goldes. Und der nimmt
bisweilen auch absurde Züge an. Ob Nahrungsmittel oder Alkohol, das
liebste Auto oder die private Hauswaffe: kaum ein Objekt scheint in
unserer Zeit vor der Vergoldung sicher zu sein. Sind das vielleicht die
Dinge, die uns heute heilig sind? |